e-Cello oder akustisches cello?


Vorteile, Nachteile, Unterschiede

Kann ich als Anfänger auf einem e-Cello spielen?

Wenn man diese Frage in einem klassischen Celloforum stellt, dann wird man als durchschnittliche Antwort bekommen: "Leih dir ein akustisches Cello und lerne damit die Grundlagen, dann kannst du später immer noch auf ein e-Cello umsteigen." Doch: ist das wirklich so? Mal angenommen, jemand hat einen e-Bass daheim, möchte gerne in einer Band spielen und meldet sich in der Musikschule an. Stell dir mal vor, ihm würde ihm dann gesagt, er solle doch bitte erst Kontrabass lernen und dann würde das mit dem e-Bass und der Band später schon funktionieren? Ich glaube nicht, dass diese Person dann noch Lust hätte, sich an dieser Musikschule für Unterricht einzutragen. Obwohl es im populären Bereich mittlerweile recht üblich ist, auf einem e-Bass oder einer e-Gitarre auch Anfänger zu unterrichten, runzeln viele (klassische) Lehrer:innen die Stirn, wenn Schüler:innen ihre ersten Schritte auf einem e-Cello oder einer e-Geige wagen möchten. Warum?? Ich sehe da eigentlich keinen Unterschied beim Vergleich zum elektrischen/akustisches Cello. Ich selbst habe sowohl ein klassisches Cello als auch ein e-Cello und ich liebe sie beide, doch sie haben komplett unterschiedliche Herausforderungen, verschiedene Einsatzbereiche und eine andere Spielweise. Und die möchte ich dir in diesem Artikel ein wenig näher bringen.

 

Wo möchtest du hin?

Das ist für mich ist die wichtigste Frage: Siehst du deine Zukunft im klassischen Orchester, in Kammermusik oder in kleinen Hauskonzerten? Liebst du klassische Musik und den warmen Klang von einem unverstärkten Cello? Dann suche dir ein akustisches Cello. Probiere die Celli von verschiedenen Geigenbauern aus und entscheide dich für das, dessen Klang du am liebsten hast. Du kannst i.d.R. Celli auch mieten und ich kann dich bei der Auswahl unterstützen. Da ich klassisches Cello studiert habe und jahrelang im Orchester gespielt habe, kenne ich mich mit der klassischen Celloliteratur sehr gut aus. Durch meine Weiterbildung in Improvisation kann ich dir auch die musikalischen Zusammenhänge der klassischen Musik näher bringen.

 

Wenn dein Interesse aber eher darin liegt, mit einem e-Cello in Bands zu spielen, rockig und laut zu werden, Effektpedale auszuprobieren - warum sollte ich dann zu dir sagen: "Lerne erst normales Cello"? Das macht für mich keinen Sinn, dir zuerst ein Instrument beizubringen, welches du am Ende eigentlich vielleicht gar nicht spielen möchtest und ich verstehe auch nicht, wie viele Lehrer:innen noch an der veralteten Denkweise festhängen zu glauben, man könnte nach einer klassischen Ausbildung mal eben schnell e-Cello spielen. Denn man kann zwar relativ schnell ein e-Cello in einen Verstärker oder eine Anlage stecken, aber die verschiedenen Möglichkeiten mit Pedalen und Effektgeräten umzugehen und auch Improvisation, das Spiel in einer Band und auch das Spiel nach Leadsheets lernt man nicht über Nacht und schon gar nicht in einem klassischen Hochschulstudium. 

 

Mindestanforderungen

Dennoch gibt es für beide Arten von Celli Mindestanforderungen an die Bauart, damit du mit Freude damit üben kannst, denn das Wichtigste ist: es muss spielbar sein und einsatztauglich.

D.h. im Detail:

  • die Wirbel müssen einwandfrei verstellbar sein,
  • die Feinstimmer müssen sich leichtgängig bewegen lassen, 
  • der Saitenabstand zum Griffbrett darf weder zu hoch noch zu tief sein,
  • der Steg muss richtig eingestellt sein,
  • die Saiten sollten neu sein und sich problemlos wechseln lassen,
  • der Bogen muss sich einwandfrei spannen und entspannen lassen

und beim e-Cello außerdem hinzu kommt:

  • es muss verstärkt gut klingen.

 

Ich habe schon akustische Kinder-Celli gesehen, bei denen immer der Steg hin- und hergerutscht ist (das sollte bei einem Cello keinesfalls der Fall sein!! Deswegen auch Kinder-Celli lieber direkt über einen professionellen Geigenbauer in deiner Nähe oder über www.streichinstrumente-mieten.de ordern, aber nicht bei Thomann - die für alles andere an musikalischem Equipment sonst ganz gut sind). Und ich habe auch schon e-Celli gesehen, bei denen der Steg nicht richtig eingestellt war oder die Wirbel sich nicht haben drehen lassen - dann stimmen die Grundanforderungen an die Spielbarkeit des Instrumentes nicht. Aber das hat nichts mit der Art des Instrumentes zu tun.

 

Wenn du ein altes akustisches Instrument geerbt/geschenkt bekommen/gekauft hast, heißt das auch nicht unbedingt, dass es spielbar ist. Im Zweifel sollte erst einmal eine professionelle Geigenbauer:in über das Instrument schauen. Ich selbst bin dafür nicht die richtige Ansprechperson, denn ich erkenne zwar grob, ob alles an Ort und Stelle ist und kann auch mal einen falsch stehenden Steg richten oder die Feinstimmer gängig machen, aber der Beruf einer Geigenbauer:in ist eine eigenständige geschützte Berufsform. Die guten Instrumente werden alle per Hand gefertigt oder wenigstens per Hand "eingestellt", so dass Saiten, Griffbrett und Steg (und beim akustischen Cello auch die Stimme im Inneren des Korpus) in einem optimalen Verhältnis zueinander sind.

 

Welche e-Celli gibt es?

Zu den bekanntesten e-Celli zählen

Die Yamaha Celli spielen sich vom Gefühl am ehesten wie "normale" Celli, sie werden z.B. auch von 2Cellos, Hauser und Tina Guo gespielt. Den Celli von NS Design fehlt komplett der Körper, dafür bieten sie aber aus klanglich-elektrischer Sicht vollkommen andere Möglichkeiten. Man kann sie z.B. umhängen und im Stehen spielen, es gibt sie sogar mit 5 oder mit 6 Saiten. Das Spielgefühl ist gerade bei den Celli von NS Design komplett anders und braucht bei einer Umstellung von einem klassischen Cello doch einiges an Übung. Mit etwas Glück kann man beide Instrumente auch Second Hand ergattern und so etwas sparen.

Die Celli, die preislich unter dem Yamaha-Cello liegen und die ich bisher ausprobiert habe, haben leider meinen Anforderungen an Spielbarkeit nicht entsprochen und ich kann sie deshalb nicht guten Gewissens empfehlen - es sei denn, du möchtest noch viel Geld in die Überarbeitung von einer professionellen Geigenbauer:in stecken. Wenn du selbst schon ein e-Cello hast, auf dem du bei mir Unterricht nehmen möchtest, und meine fachliche Einschätzung dazu hören möchtest, dann melde dich hier.

 

Zu einem e-Cello gehört natürlich unbedingt auch einen Amp (=Verstärker), da man das Cello zwar über Kopfhörer hören kann (Yamaha), es aber sonst viel zu leise ist, um etwas darauf vorzuspielen.

 

Was sind Hybrid-Celli?

 

Sogenannte "Hybrid-Celli" sind akustische Celli, die zusätzlich einen eingebauten Tonabnehmer im Korpus haben. Am bekanntesten sind die Carbon-Celli von mezzo-forte. Der Vorteil daran ist: man kann sie ohne Probleme sowohl akustisch spielen, als auch einfach mit einem Kabel an eine Anlage oder einen Verstärker anschließen. Es gibt sogar Carbon-Celli mit Holzoptik, die fallen dann im Orchester fast gar nicht mehr auf.

Der Nachteil ist der gleiche wie bei allen akustischen Instrumenten, die durch ein Mikrofon oder einen Tonabnehmer verstärkt werden: auf großen Veranstaltungen kann es zu Feedback-Problemen kommen. Auslöser ist der Hohlkörper, den sowohl akustische Holz-Instrumente als auch die Carbon-Celli haben. Der Raumklang (oft auch der Klang der Monitore auf der Bühne) fängt sich in dem Hohlraum des Cellos und wird wieder nach außen projiziert. Die Mikrofone/Tonabnehmer nehmen das wieder auf und es kommt zu einer Übersteuerung in der Anlage. Genau aus diesem Grund haben e-Instrumente keinen klingenden Körper, der Ton wird quasi nur als Signal weitergeleitet und kann in jeder Lautstärke abgebildet werden. Aber wenn du nicht auf den größten Venues oder mit Band spielen möchtest, ist diese Hybrid-Option vielleicht eine gute Alternative für dich, da Carbon-Celli sehr robust sind.

 

Wie kann ich mein akustisches Cello verstärken?

Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, ein Mikrofon/einen Tonabnehmer an deinem akustischen Cello zu platzieren. Dafür gibt es die verschiedensten Systeme von den unterschiedlichsten Herstellern:

  • Anklipp-Mikrofone, z.B. von DPA (die haben zwar den natürlichsten Klang, sind aber am meisten für Feedback gefährdet. Zum Loopen in Live-Situationen eignen sie sich gar nicht, weil sie jegliche Außenlautstärke, also alles, was über deinen Verstärker kommt oder auch die Publikumsgeräusche auf den Loop aufnehmen), 
  • Mikros, z.B. von Remic, die man unter das Griffbrett schiebt,
  • Kontaktmikrofone, z.B. von Ehrlund oder Schertler, die man mit einer knetartigen Masse auf den Korpus klebt (Vorteil: diese funktionieren auch bei einer Reihe von anderen akustischen Instrumenten und können auch mal schnell und unkompliziert an einer Geige oder Gitarre angebracht werden),
  • Tonabnehmer/Piezo-Pickups, die man ähnlich wie die Kontaktmikrofone auf den Korpus klebt (aber ein anderes Tonabnahmesystem haben als Kontaktmikrofone) - davon gibt es zu viele, die ich nicht alle aufzählen kann,
  • Tonabnehmer/Piezo-Pickups, die in dem Stegarm montiert werden, z.B. von Schertler (der Steg wird dabei nicht verändert, lediglich der Korken des Pickups wird an deinen Cellosteg angepasst),
  • Tonabnehmer/Piezo-Pickups, die man unter dem Steg montiert, z.B. von David Gage "The Realist" oder Shadow (die erhöhen minimal die Steghöhe und lassen sich auch nicht mal einfach an- oder ab-montieren),
  • Tonabnehmer/Piezo-Pickups, die man an den Steg klippt oder schraubt, z.B. von David Gage "The Realist Soundclip"
  • den "Strap around" oder auch in der Umgangssprache "Fahrradschlauch" genannten Pickup von Headway
  • den Cellosteg mit integriertem Pickup, z.B. von Fishman.

 

Alle Pickups und Tonabnehmer (bis auf das DPA-Mikrofon) benötigen zusätzlich noch einen Preamp, ein kleines Effektgerät, mit dem man den Ton des Cello-Pickups noch einmal modulieren kann.

 

Es gibt also eine ziemlich große Auswahl und jeder Tonabnehmer klingt anders, aber der Klang ist - bis auf das Anklipp-Mikrofon - recht ähnlich im Vergleich zum Sound eines e-Cellos. Das liegt daran, dass alle Tonabnehmer, die auf dem Korpus oder am Steg platziert werden, nur den Klang des Holzes aufnehmen. All die Obertöne, die mit einem natürlichen Mikrofon in der Luft eingefangen werden, können durch die Tonabnehmer gar nicht aufgenommen werden - sie würden auch Probleme mit Feedback bereiten. Ein "realistischer" Celloklang wird also weder mit einem Pickup noch mit einem e-Cello möglich sein. Allerdings ist der Vorteil, dass man mit einem Tonabnehmer die verschiedensten Effektpedale austesten kann. Ich selbst nutze häufig Reverb und Delay, aber auch Verzerrer und Oktaver sind sehr spannend zum Experimentieren. Der Nachteil: besonders in kleinen Räumen oder in Kirchen klingt das akustische Cello schon an sich so laut, dass die Effekte kaum hörbar sind. Das ist bei dem reinen e-Cello anders, da das Instrument ja kaum Eigenklang hat.

 

Wofür sind Carbon-Celli gut?

Celli, auf die ich bisher noch nicht genauer eingegangen bin, sind Carbon-Celli. Das sind eigentlich reine akustische Instrumente, die nur aus Carbon statt aus Holz hergestellt werden. Carbon ist nicht nur ein sehr stabiles Material, sondern hat auch sehr gute klangliche Eigenschaften. Der unschlagbare Vorteil: sie sind fast unkaputtbar, unempfindlich gegen Hitze/Kälte/Feuchtigkeit und deshalb besonders bei Sonnenschein im Outdoor-Bereich beliebt und quasi in allen Farben erhältlich. Sie können bei größter Hitze auch mal im Kofferraum gelassen werden, ohne dass man sich größere Gedanken machen müsste. In der Regel haben sie keinen vorintegrierten Tonabnehmer, bis auf die Hybrid-Carboncelli von mezzo-forte. Wenn man sie akustisch verstärken möchte, muss man also auch - wie bei den akustischen Celli - ein Mikro oder einen Tonabnehmer dazu kaufen.

 

Weitere Hersteller von Carboncelli sind

 

Carbon-Instrumente lassen sich ähnlich spielen, wie die "gewöhnlichen" Holz-Celli, der Klang ist aber etwas anders und wenn man mit dem Kauf eines Carbon-Instrumentes liebäugelt, sollte man unbedingt die unterschiedlichen Typen anspielen und ausprobieren.

Unabhängig vom Klang, der natürlich immer eine persönliche Entscheidung ist, ist meine praktische Erfahrung damit: die meisten Carbon-Celli haben eine gitarrenähnliche Silhouette. Wenn man viel auf Bühnen unterwegs ist fällt dabei negativ auf, dass das Cello nicht mehr in der rechten Zarge getragen werden kann, sondern nur am Hals. Ich selbst empfinde das als unpraktisch, da so der linke Spielarm ermüdet, wenn man es nur in dieser Position mit ausgefahrenem Stachel weitere Strecken tragen muss.

 

Das Cellomuseum hat eine Auswahl an weiteren Celli aus alternativen Materialien vorgestellt.

 

Ich komme immer so spät nach Hause, dass ich nicht mehr üben kann, ohne die Nachbarn zu stören. Soll ich mir ein Silent Cello kaufen?

Ein Silent Cello kann eine gute Option sein, muss es aber nicht. Wenn du den Klang eines akustischen Cellos bevorzugst und nicht vorhast, die elektrischen Möglichkeiten eines Silent Cellos auszunutzen, dann ist es vermutlich verschwendetes Geld. Leise üben kannst du auf einem klassischen Cello genauso mit einem Hoteldämpfer: der lautstärkenmäßige Unterschied zwischen Hoteldämpfer und Silent Cello ist minimal, aber ein Hoteldämpfer ist günstiger. Allerdings solltest du zwischendurch immer mal wieder dein Cello "normal", d.h. ohne Dämpfer spielen, denn es verliert an Klangvolumen und -schönheit, wenn du es immer nur mit Hoteldämpfer spielst. 

 

fazit:

Akustische Celli, E-Celli, Hybrid-Celli oder Carbon-Celli sind unterschiedliche Instrumente mit unterschiedlichen musikalischen Möglichkeiten für unterschiedliche Spielbedürfnisse. Du allein entscheidest, welchen Klang du erzeugen möchtest und wie ich dich in meinem Unterricht mit deinem Instrument dabei unterstützen kann. Ich selbst liebe den Klang meines klassischen Cellos - da wird niemals ein e-Cello ran kommen. Ich nutze es vorwiegend in meinem Soloprogramm, im Orchester und allen anderen klassischen Konzertsituationen. Ich besitze auch ein Anklipp-Mikro von DPA für die "klassische" Verstärkung und ein Kontaktmikrofon von Ehrlund inkl. Preamp für Situationen mit Loopstation oder Effektpedalen. Aber: mit dem Mikro und dem Tonabnehmer bis ich mit Bands schon an Situationen gestoßen, in denen es Feedback-Probleme gab und die Tontechniker mich leiser drehen mussten, obwohl man mich kaum gehört hat, weil sonst die Anlage gequietscht hätte. 

Mein Yamaha e-Cello SVC-200 kommt zum Einsatz, wenn es um mich herum laut ist (Band, Schlagzeug, Veranstaltungslärm) oder wenn ich gezielt die Effekte meiner Pedale zum Einsatz bringen möchte. Auch für Outdoor ist es eine gute Alternative, da es natürlich nur einen Bruchteil davon kostet, was mein klassisches Cello wert ist. Und ich liebe es, nach 20:00 Uhr abends damit einfach noch üben zu können, ohne dass ich mir Gedanken drum machen muss, ich könnte irgendeinen Nachbarn in meinem Mehrparteienhaus stören. Weiterer Vorteil: es lässt sich auf die Größe eines Golfschläger-Sets zusammenklappen! Damit wäre es das einzige Cello, was ich als Gepäck in einem Flugzeug aufgeben würde, denn mit einem klassischen Cello muss man immer einen Sitz kaufen, da es viel zu viele Beispiele von Unfällen mit Instrumenten gibt, die als Gepäck aufgegeben wurden.